“Was und wie gebaut wird, entscheidet über die Lebensqualität.” Interview mit Michael Töngi.

01.10.21

Was und wie gebaut wird, hat einen grossen Einfluss auf unsere Lebensqualität. Sagt Michael Töngi, Präsident der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats und Mitglied des Initiativkomitees der Landschaftsinitiative. Ja, Raumplanung sei ein “Megathema”, von dem alle betroffen seien. Wir trafen den Nationalrat am Hang des Pilatus, von wo aus er am Beispiel des Ballungsraumes Kriens-Luzern das Problem aufzeigte. 

Foto Adrian Schmid

Michael Töngi, Nationalrat, Präsident der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen des Nationalrats und Mitglied des Initiativkomitees.

Wir stehen hier am Hang des Pilatus und blicken auf den Vierwaldstättersee. Warum haben Sie gerade diesen Ort für das Interview gewählt, Michael Töngi?

Ich bin an diesem Hang aufgewachsen und wohne immer noch hier. In dieser Zeit habe ich miterlebt, wie in der Ebene zwischen Kriens, Horw und Luzern ein Bauernhof nach dem anderen verschwand. In den letzten Jahren wird verstärkt über die Qualität der Bauten diskutiert, zuvor legte man lange Zeit zu wenig Wert auf architektonische und städtebauliche Fragen. Gleichzeitig veränderten sich die Gebäude in den Landwirtschaftszonen im Voralpengebiet : Aufgrund von Vorschriften wurden die Ställe grösser und vielerorts zusätzliche Einstellhallen und Doppeleinfamilienhäuser gebaut.

Sie sind Nationalrat und Präsident der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen und haben einen guten Überblick über die ganze Schweiz. Ist diese Problematik auch in anderen Landesteilen zu beobachten?

Der Druck ist überall gross, doch die Kantone gehen unterschiedlich mit dem Thema um. Einige setzen bereits seit langem die Bundesvorgaben strikter um, andere lassen zu Gunsten von Ausbauten mehr zu und drücken auch mal ein Auge zu. Zu Bauten ausserhalb der Bauzone im Kanton Luzern gab es mehrere Bundesgerichtsurteile, welche zeigten, dass die Behörden zu lasch mit illegalen Bauten umgegangen waren. Es ist wichtig, dass es klare nationale Vorgaben gibt, das entschärft letztlich die Konflikte auf Gemeinde- und Kantonsebene.

Warum ist aktuell die Raumplanung oder die Bodennutzung in der Schweiz ein so grosses Thema? Sie sagen, es sei ein Megathema.

Die Wirkung ist offensichtlich: Was und wie gebaut wird, entscheidet über die Lebensqualität. Alle sind davon betroffen. Ob eine Siedlung attraktive Aussenräume hat, ob die Kinder alleine draussen spielen können, ob ich mit den Nachbar:innen ungezwungen grillieren kann oder ob das alles viel anonymer ist, das ist für die Leute sehr wichtig. Dazu kommt die Veränderung der Landschaft unmittelbar vor der Haustür oder beim Spaziergang – das nehmen die Menschen sehr konkret wahr. Die Frage der Bodennutzung hat aber auch eine unglaubliche ökonomische Dimension. Wer kann bauen? Wieviel wird daran verdient? Muss ich einen grossen Teil meines Einkommens für das Wohnen ausgeben? Und aus Sicht der Mieterinnen und Mieter: Weshalb zahle ich mehr Miete, obwohl die Zinsen praktisch bei null sind? Wer verdient daran? Die Frage, wem der Boden gehört und wer über dessen Nutzung bestimmt, ist fast so alt wie die Menschheit.

Ein altes Thema also. Hat sich die Problematik der Bodennutzung denn in letzter Zeit zugespitzt?

Wir hatten in den letzten 15 Jahren einen Bauboom in der Schweiz. Besonders die Agglomerationen haben sich nochmals stark verändert. Wie dies geschehen soll, wurde in den letzten Jahren noch intensiver diskutiert. Gleichzeitig sehen wir im Landwirtschaftsgebiet grössere Gebäude. Zum Beispiel entstand mit der Geflügelproduktion eine Landwirtschaft, die nicht mehr viel mit dem vorhandenen Boden zu tun hat. Die Frage der Bodennutzung ist heute sehr aktuell, weshalb wir auch mehrmals darüber abgestimmt haben: Angefangen bei der Zweitwohnungsinitiative, über das Raumplanungsgesetz, die Zersiedelungsinitiative und die Wohninitiative.

Der Landschaftsinitiative wird von einigen Landwirt:innen negativ wahrgenommen. Was sagen Sie dazu?

Der Druck in der Landwirtschaft ist enorm. Der Ausweg kann jedoch nicht sein, dass jeder Hof kapitalintensiv mehr und mehr ausgebaut wird und am Schluss unter einer Schuldenlast leidet. Aus meiner Sicht braucht es mehr Koordination und Zusammenarbeit unter den Bauernbetrieben, um die kleinräumige Landwirtschaft in der Schweiz zu erhalten. Den Rahmen dazu gibt die Landschaftsinitiative, die den Bauern und Bäuerinnen eine Modernisierung ermöglicht, einen weiteren Bauboom aber unterbindet. Ein sorgfältiger Umgang mit der bestehenden Bausubstanz und die Vermeidung von Versiegelung und ständiger Vergrösserung der Bauvolumen kommt auch ihnen zu Gute.

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